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„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel“

Als Festredner zum 20-jährigen Bestehen der Klinik für Psychiatrie skizziert Prof. Dr. Arno Deister Forderungen für die Zukunft

Sie würdigten die Leistung und den Erfolg der Klinik für Psychiatrie (von links): Landrat Jan Weckler, Chefarzt Dr. med. Michael Putzke, Festredner Prof. Dr. med. Arno Deister, GZW-Geschäftsführer Dr. Dirk. M. Fellermann, Bad Nauheims Bürgermeister Klaus Kreß.

Friedberg/Region (HR). Lob und Anerkennung von allen Seiten, aber auch ein nachdenklicher Blick auf vorhandene Fehlanreize des Gesundheitssystems und die Forderung nach einem „Paradigmenwechsel“ prägten die Feierstunde zum 20-jährigen Bestehen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des GZW in Friedberg. Musikalisch gestaltet wurde die eineinhalbstündige Veranstaltung in der Kulturhalle der Klinik durch Heinz Lyko, Linda Trupp, Benedikt Sender und Bayu Moder.

In seiner Begrüßung der 80 geladenen Gäste verwies GZW-Geschäftsführer Dr. Dirk M. Fellermann auf die Empfehlungen der Psychiatrie-Enquetekommission mit ihrer Forderung, flächendeckend eine gemeindenahe Psychiatrie zu realisieren. Am 17. März 2003 war es dann soweit, die neue Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Friedberg nahm erstmals Patientinnen und Patienten auf. Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu Anpassungen an die Versorgungsanforderungen im Wetteraukreis. 2012 wurde die Tagesklinik in Nidda-Bad Salzhausen, 2017 diejenige in Bad Vilbel eröffnet. 2016 erkannten die Krankenkassen die Klinik für Psychiatrie als eine von bundesweit nur 15 Einrichtungen als Modellprojekt an. Dr. Fellermann dankte Chefarzt Dr. Putzke und seinem Team für ihre hervorragende Arbeit, die Basis des Erfolgs sei.

Als „außergewöhnlich“ und ein „Leuchtturmprojekt“ mit Strahlkraft über den Kreis hinaus würdigte Landrat Jan Weckler namens der Gesellschafter der GZW gGmbH die Klinik mit ihrem bis heute ausgesprochen innovativen, durchgehend offenen Konzept. Ihre Entstehung vor dem damaligen Hintergrund einer noch immer stark ausgeprägten Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und dementsprechender Ängste in der Bevölkerung sei der Leistung und Weitsicht der verantwortlichen Mediziner und Politiker zu verdanken.
Mit der Frage nach der „Zukunft der Psychiatrie in Deutschland“ befasste sich Festredner Prof. Dr. Arno Deister, Professor der Christian-Albrechts-Universität Kiel sowie unter anderem Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit (Berlin). Die theoretischen Grundlagen für eine moderne psychiatrische Versorgung sind nach seinen Worten bereits gelegt, beispielsweise in der S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ oder in den 2016 formulierten Empfehlungen des Deutschen Ethikrates zur am Patientenwohl orientierten Versorgung.
Als Faktoren für eine gerechte Versorgung nannte Prof. Deister das Verhältnis des Bedarfs/der Verteilung zu den vorhandenen Ressourcen sowie die Berücksichtigung sozialer Aspekte. Wichtige Anforderungen an die Qualität der Versorgung seien Zeit für Beziehung („Wir müssen uns Zeit nehmen für die Beziehung zum Patienten/zur Patientin“), ein multiprofessionaler Behandlungsansatz, Sicherstellung der Teilhabe der Patient:innen an der Gesellschaft, die Nähe zum Lebensumfeld der Menschen, die Vermeidung von Zwang, störungsfreie Psychotherapie, eine partizipative Entscheidungsfindung, die Möglichkeit der settingübergreifenden Therapie und die Verbesserung der Attraktivität der Tätigkeit in der Therapie.
Eindringlich warnte Prof. Deister vor Fehlanreizen, die das medizinische System belasteten, wie die Fokussierung der Vergütung auf stationäre Behandlung. Seine plastisch formulierte Forderung: „wir brauchen einen Paradigmenwechsel, das Geld muss sich vom Bett lösen“, indem die Qualität der Versorgung und deren Patientenorientierung als maßgebliche Anreize in das System implementiert würden.
Chefarzt Dr. Michael Putzke, dem Prof. Deister bescheinigt hatte, eine „vorbildliche Psychiatrie“ zu leiten, „in der schon Zukunft gestaltet wird“, skizzierte die Entwicklung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Friedberg von den anfänglichen „sehr heftigen Diskussionen“ über das offene Konzept und erste Rückschläge bis in die Gegenwart. Mit offener Kommunikation, der Reduktion sozialer Distanzen, einer horizontal demokratischen Struktur in den Leitungsgremien, dem Prinzip der persönlichen Gleichwertigkeit aller, einer kontrollierten Emotionalität, der Nutzung des therapeutischen Potenzials der Patient:innen und einer größtmöglichen Toleranz sei es gelungen, eine für den Therapieerfolg optimale Atmosphäre, „ein Klima des Wohlwollens und des gegenseitigen Respekts“, zu schaffen und zu erhalten. Probleme durch die zunehmende Zuweisung von Patient:innen aus Heimen mit einem daraus resultierenden Anstieg der Verweildauer sowie durch den ausgeprägten Fachkräftemangel markierten die Bedingungen der aktuellen Umbruchphase, der sich auch die Mitarbeiter:innen der Klinik für Psychiatrie und Psychiatrie stellen müssten.