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Mittwoch 05. April 2017 Alter: 6 yrs
Kategorie: News

Telemedizin als Option für dünn besiedelte Regionen


Auch für Erinnerungsfotos einzelner Gruppen stand Prof. Gerriets gerne bereit.

Reges Interesse: Beim gemeinsamen Essen wurde das Fachsimpeln fortgesetzt.

Prof. Gerriets, Chefarzt der Stroke Unit am Bürgerhospital Friedberg, berät Kollegen in Kasachstan zum Thema Schlaganfallversorgung

Bad Nauheim (HR). Hundemüde, aber sehr zufrieden kehrte Prof. Dr. Tibo Gerriets, Chefarzt der Schlaganfallstation am Bürgerhospital Friedberg, kürzlich von seinem Wochenend-Ausflug nach Kasachstan zurück. Dort hatte er auf Einladung von Prof. Yergali Miyerbekov (Universität Almaty) und Manfred Seidenfaden (Firma Nihon Kohden, deren Europazentrale in Rosbach liegt) vor über einhundert Ärztinnen und Ärzten über die Organisation der Schlaganfallversorgung in Deutschland gesprochen. Der Vortrag wurde live ins Russische übersetzt.

Mit einer Fläche von über 2,7 Millionen Quadratkilometern ist Kasachstan der neuntgrößte Staat der Erde, siebeneinhalb Mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland – und zugleich der größte Binnenstaat. Er liegt in der Mitte des eurasischen Kontinents (fünf Prozent der Landesfläche gehören zu Europa), grenzt im Osten an China, im Norden an Russland, im Süden an Turkmenistan, Usbekistan und Kirgisistan. Im Südosten, an der Grenze zu Kirgisistan und nahe der Grenze zu China, liegt die ehemalige (bis 1997) Hauptstadt Almaty (vor der Unabhängigkeit von der Sowjetunion: Alma-Ata). Mit knapp 18 Millionen Einwohnern ist das Land dünn besiedelt; auf einem Quadratkilometer leben durchschnittlich sieben Menschen.

Das medizinische Versorgungssystem dieses zentralasiatischen Landes sei relativ gut entwickelt, berichtete Prof. Gerriets nach seinem Besuch. Allerdings entspreche die Schlaganfallversorgung „ungefähr dem Stand, den wir in Deutschland vor 30 Jahren hatten. Patienten mit Hirninfarkten oder Hirnblutungen werden überwiegend in der Inneren Medizin versorgt, die nicht über das Know-How und den hohen Organisationsgrad von Stroke Units verfügt.“ Grundsätzlich wisse man, dass Stroke Units die Wahrscheinlichkeit, am Schlaganfall zu sterben oder nach einem Schlaganfall zum Pflegefall zu werden, drastisch reduzieren könnten. „Es fehlt aber schlicht an der Umsetzung“, so dass Fazit des Facharztes. Zu diesem Zweck gebe es nun ein nationales Koordinationszentrum, das den Aufbau einer organisierten und professionellen Schlaganfallversorgung in die Wege leiten solle.

Die Probleme dabei sind nach Gerriets’ Angaben „so riesig wie das Land selbst“. Da es beim Schlaganfall auf jede Minute ankomme, müssten die Patienten theoretisch auch in den dünn besiedelten Regionen Kasachstans direkt vor Ort versorgt werden, denn lange Anfahrzeiten würden eine effektive Therapie unmöglich machen. „Ich habe den Kollegen erläutert, wie wir in Deutschland organisiert sind, ohne gleich Patentlösungen für die besonderen Verhältnisse dieses Landes im Gepäck zu haben“, so Prof. Gerriets. Hierzu habe man in der anschließenden Diskussion gemeinsam erste Ideen entwickelt. Besonderes Interesse hätten telemedizinische Lösungen hervorgerufen, mit denen eine Versorgung vor Ort noch am ehesten realisierbar sei.

Telemedizinische Versorgungssysteme für dünnbesiedelte Regionen gebe es auch in Deutschland. Dabei würden die Ärzte vor Ort durch Schlaganfallexperten mit Hilfe von Videokonferenzen und Teleradiologie bei der Behandlung unterstützt. Überhaupt sei das Interesse der Zuhörer enorm gewesen. „Die Kollegen haben hinterher eine Stunde lang Fragen gestellt und Informationen regelrecht aufgesogen“, zog der Wetterauer Mediziner Bilanz.

Aber auch für ihn selber sei der Wochenendtrip in die größte kasachische Stadt Almaty sehr lehrreich gewesen. „Ich wusste kaum etwas über dieses Land und seine gastfreundlichen Menschen“, sagte der Neurologe nach seiner Rückkehr. „Kasachstan ist tatsächlich wunderschön. Vielleicht machen meine Frau und ich da einmal Urlaub.“