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Montag 01. April 2019 Alter: 77 days

Neue Strategien im Kampf gegen den Schmerz

Antikörperpräparate bei schwerer Migräne vielversprechend, aber keine Wundermittel – Ärztefortbildung mit Besucherrekord


Vor knapp 120 Ärztinnen und Ärzten referierten (von links) Prof. Dr. med. Tibo Gerriets, Priv.-Doz. Dr. med. Marlene Tschernatsch, Dr. med. Thorsten Fritz und Matthias Deller.

Bad Nauheim (HR). Neue Therapieverfahren bei akuten und chronischen Schmerzen standen im Mittelpunkt der diesjährigen Ärztefortbildung „Nerv und Schmerz“, zu welcher Neurologen und Schmerztherapeuten des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW) Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen eingeladen hatten und bei der sie sich mit mehr als einhundert Zuhörern über einen neuen Besucherrekord freuen konnten.
 
Über aktuelle Behandlungsmöglichkeiten der Migräne berichtete der Neurologe Prof. Dr. Tibo Gerriets. Viele Menschen litten so häufig und anhaltend unter den quälenden Kopfschmerzen, dass Maßnahmen zur Prävention empfohlen werden müssten. Die wirksamste und gesündeste Vorbeugemaßnahme, so der Chefarzt der neurologischen Abteilung des Gesundheitszentrums Wetterau, sei regelmäßiger Ausdauersport. Bei vielen Patienten müssten zusätzlich vorbeugende Medikamente verordnet werden. Die hierbei eingesetzten Antidepressiva, Epilepsiemittel und Blutdrucksenker seien vielfach jedoch nicht ausreichend wirksam oder verträglich und würden daher häufig wieder abgesetzt. Daher setzen Migränespezialisten große Hoffnung auf neue Antikörperpräparate, die gezielt den Migränebotenstoff CGRP ausschalteten. Ein erstes Präparat dieser neuen Wirkstoffgruppe sei vor wenigen Wochen zugelassen worden, zwei weitere folgten vermutlich im Laufe des Jahres. Wundermittel seien dies jedoch nicht, warnte Gerriets. Nur ein kleiner Teil der Patienten profitiere wirklich, und die Kosten von etwa 700 Euro für die monatliche Injektion seien erheblich. Zudem würden aktuell noch Daten zur Verträglichkeit gesammelt. Für einzelne, schwerstbetroffene Patienten stellten die neuen Antikörper jedoch eine sinnvolle Therapieoption dar.

Die Schmerztherapeuten Dr. Thorsten Fritz und Matthias Deller vom Zentrum für interdisziplinäre Schmerztherapie in Butzbach referierten über nichtmedikamentöse Behandlungsverfahren bei Nervenschmerzen und die Funktion körpereigener Schmerzhemmungssysteme. Letztere, so Matthias Deller, würden in den letzten Jahren zunehmend besser verstanden, allerdings seien die Mechanismen, mit denen Gehirn und Rückenmark überschießende Schmerzwahrnehmungen herunterregelten, sehr komplex. Das zunehmend bessere Verständnis der Materie werde aber in Zukunft möglicherweise neue Therapieansätze eröffnen.

Schmerzen, die nach Schädigung einzelner peripherer Nerven entstehen, können neuerdings durch implantierbare Neurostimulatoren behandelt werden. Darüber berichtete Dr. Thorsten Fritz, Chefarzt der Abteilung für Schmerztherapie am GZW. Die winzigen, fadenförmigen Geräte würde durch einen minimalinvasiven Eingriff unter der Haut, in direkter Nähe des geschädigten Nervs, platziert und könnten dann für mehrere Stunden pro Tag von außen durch einen aufgeklebten Stimulator angeregt werden. Dies führe zum Teil zu einer verblüffenden Linderung der Schmerzen, die die Stimulation viele Stunden überdauere. Durch die drahtlose Spanungsübertragung via Induktion entfalle zudem die Implantation einer Batterie.

Über nächtliche Schmerzen in den Beinen berichtete die Neurologin PD Dr. Marlene Tschernatsch, ärztliche Leiterin der Praxis für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Facharztzentrum des GZW in Bad Nauheim. An dem „Restless Legs-Syndrome“ (RLS) litten etwa zehn Prozent der Bevölkerung – ein Drittel davon in einem Ausmaß, das eine medizinische Behandlung erforderlich mache. Obgleich mit einfachsten Mitteln zu diagnostizieren, werde die Erkrankung sehr häufig übersehen. Charakteristisch seien Schmerzen und ein Unruhegefühl der Beine ausschließlich in Ruhe, das bei Bewegung sofort verschwinde. Das RLS sei für einen erheblichen Teil der Schlafstörungen verantwortlich. Besonders tückisch sei die Tatsache, dass einige gegen die Schlaflosigkeit verordnete Mittel das Syndrom sogar verstärkten. Obgleich die Erkrankung nichts mit dem Morbus Parkinson zu tun habe, so Tschernatsch, seinen zur Behandlung bestimmte Parkinsonmedikamente gut geeignet, die allerdings nur in sehr geringer Dosis verabreicht werden müssten. Gelegentlich liege der Erkrankung auch ein Eisenmangel zugrunde. Bei diesen Patienten reiche zur Behandlung ein Auffüllen des körpereigenen Eisenspeichers aus.

Sehr zufrieden äußerten sich die Initiatoren der Ärztefortbildung mit der gegenüber dem Vorjahr verdreifachten Besucherzahl. „Mit 118 Ärztinnen und Ärzten hatten wir nicht gerechnet“, freute sich Prof. Gerriets. Das Fortbildungskonzept „Nerv und Schmerz“ werde auch im kommenden Jahr wieder aufgelegt – dann zum sechsten Mal.