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Donnerstag 23. Mai 2019 Alter: 23 days

Aspirin hilft nicht jedem

Neue Erkenntnisse widerlegen langlebigen Mythos – Ärztefortbildung zum Thema „Neurologie“ mit interessanten Fakten


Voll besetzt: die Veranstaltungsräume „Wetterau II und III“ im 4. Obergeschoss des Facharzt- und Servicezentrums.

Informierten über diabetische Polyneuropathie, Schlaganfall-Prävention, Schwindel und Multiple Sklerose: (von links) Prof. Dr. Erwin Stolz, Prof. Dr. Tibo Gerriets, Priv.-Doz. Dr. Marlene Tschernatsch und Prof. Dr. Martin Berghoff

(HR). Über die Möglichkeiten zur medikamentösen Schlaganfallvorbeugung referierte anlässlich der jährlichen Ärzteweiterbildung zum Thema „Neurologie“ Prof. Dr. Tibo Gerriets, Chefarzt der Schlaganfalleinheit am Gesundheitszentrum Wetterau (GZW). Er räumte dabei auch mit einem langlebigen Mythos auf: Nach neuesten Erkenntnissen ist Aspirin zur Prävention von Schlaganfällen häufig nicht geeignet.

„Zur Prävention von Schlaganfällen gibt es zahlreiche neue Erkenntnisse aus Medikamentenstudien“, berichtete Prof. Gerriets. Der Trend gehe hin zu einer individualisierten Therapie. Menschen unter 40 und über 70 bräuchten, sofern sie kerngesund seien, kein Aspirin zur Primärprävention. Die Nebenwirkungen seien zwar sehr gering, der Nutzen aber noch geringer. Menschen, die Herzinfarkt- oder Schlaganfall-gefährdet seien, bräuchten dagegen häufig höhere Dosierungen und kurz nach einem Schlaganfallereignis sogar kurzfristig eine Kombinationstherapie zweier Thrombozytenhemmer, so der Neurologe. Wichtig sei die sektorenübergreifende Zusammenarbeit der Ärzte. Die Therapieschemata würden immer individualisierter und somit immer komplizierter, daher sei eine gute Zusammenarbeit zwischen Klinik- und Hausärzten sehr wichtig, so Gerriets.

Professor Erwin Stolz, niedergelassener Neurologe aus Frankfurt, brachte das Auditorium auf den neuesten Stand zum Thema „diabetische Polyneuropathie“, einer häufigen Komplikation der Volkskrankheit Diabetes mellitus. Diese chronische Nervenschädigung führe nicht nur zu tauben und teilweise brennenden Füßen, sondern oft auch zu Gangunsicherheit und Schwindel. Nicht selten sei auch das vegetative Nervensystem betroffen. Wichtig sei – neben der optimalen Einstellung der Blutzuckerwerte – aufmerksam zu bleiben, um mögliche andere Ursachen nicht zu übersehen, denn auch eine große Zahl weiterer internistischer Erkrankungen sei geeignet, eine Polyneuropathie auszulösen.

„Neues zur Multiplen Sklerose“ ist ein fester Bestandteil der jährlichen Neurologiefortbildung, denn in kaum einem Bereich gibt es einen so rasanten Fortschritt. Prof. Martin Berghoff, leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Gießen berichtete, über Vor- und Nachteile sowie die seltenen, aber gefährlichen Nebenwirkungen der zahlreichen neuen MS-Medikamente. Vor 20 Jahren habe es nur Medikamente gegeben, die mehrmals wöchentlich injiziert werden mussten und nur mäßig wirksam waren. Heute stehe eine Vielzahl an Präparaten zur Verfügung. Viele seien sehr viel wirksamer, erforderten allerdings aber auch eine sorgfältige Überwachung durch den Haus- und Facharzt, da selten schwere Nebenwirkungen auftreten könnten. Die schubförmige MS habe jedoch dank dieser neuen Präparate viel von ihrem Schrecken verloren.

Privatdozentin Dr. Marlene Tschernatsch referierte über das Thema Schwindel. Dahinter verbergen sich, so die Neurologin, zahlreiche unterschiedliche Erkrankungen, die häufig schwer zu diagnostizieren seien. Sehr unangenehm, aber in der Regel harmlos seien Schwindelerkrankungen, die im Innenohr entstünden. Allerdings bestehe eine hohe Verwechslungsgefahr mit seltenen Schwindelformen, die vom Gehirn selber ausgelöst würden. Diese seien oft sogar lebensbedrohlich und nicht selten Ausdruck eines Hirninfarkts. Anhand zahlreicher Fallbeispiele erläuterte die ärztliche Leiterin der Praxis am Hochwald die Untersuchungsmethoden zur Unterscheidung der unterschiedlichen Schwindelformen. Als Faustregel gelte, dass alle plötzlich neu auftretenden Schwindelformen verdächtig seien und dringend abgeklärt werden müssten – notfalls durch die sofortige Einweisung auf die Schlaganfallstation.

Sehr zufrieden äußerten sich die vier Referenten über die hohe Besucherzahl. Diese hatte sich gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Neben Neurologen waren auch zahlreiche hausärztlich tätige Mediziner und Klinikärzte aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen vertreten. Offenbar werde das Konzept einer sektorenübergreifenden Ärzteweiterbildung mit der Gelegenheit zum kollegialen Austausch gut angenommen, freute sich Prof. Gerriets.