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Dienstag 19. November 2019 Alter: 18 days

Ab 2020 Vorsorge-Screening auf Gebärmutterhalskrebs

15. Patientinnenseminar des Brust- und des Gynäkologischen Krebszentrums der Frauenklinik Bad Nauheim mit einer Fülle von Informationen


Chefarzt Dr. Ulrich Groh begrüßte die Teilnehmerinnen des Patientinnenseminars 2019im großen Saal des Fortbildungszentrums der Landesärztekammer.

Im Foyer gab es zusätzliche Informationen an den einzelnen Ständen.

Bad Nauheim (HR). Mehr als 400 Patientinnen mit Erstdiagnosen von Brustkrebs und genitalen Tumoren werden jährlich in der Frauenklinik des GZW am Hochwaldkrankenhaus Bad Nauheim behandelt, dazu kommt eine wesentlich höhere Zahl in Dauerbehandlung befindlicher Frauen. Betreut werden sie durch ein Team spezialisierter Mitarbeiter und dessen Netzwerk aus Radiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen und plastischen Chirurgen. Einmal jährlich stellen Chefarzt Dr. med. Ulrich Groh und sein Team beim Patientinnenseminar einem etwa 150-köpfigen Auditorium neueste Erkenntnisse zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge vor. Themen in diesem Jahr waren unter anderem das ab 2020 gültige Zervixkarzinom-Screening, das Erblichkeitsrisiko bei Brust- und Eierstockkrebs, die Wirksamkeit von Nachahmerpräparaten in der Krebsbehandlung und die Möglichkeit der lokalen Metastasenbehandlung etwa in der Leber durch bildgesteuerte, interventionelle Verfahren.
 
Die Diagnostik und Therapie von Krebs des Gebärmutterhalses (Zervixkarzinom) sowie de Eierstöcke (Ovarialkarzinom) stellte Oberärztin Yvonne Krieger in den Mittelpunkt ihres Vortrags über Neuigkeiten in der Behandlung gynäkologischer Tumorerkrankungen. In Deutschland erkrankten jährlich etwa 4300 Frauen an einem Zervixkarzinom. Bei weit über 90 Prozent von ihnen wurde der Krebs ausgelöst durch eine Infektion mit Humanen Papilloma Viren (HPV). „Über 50 Prozent aller Frauen durchlaufen eine solche Infektion, in ganz wenigen Fällen entwickelt sich daraus tatsächlich Gebärmutterhalskrebs“, erklärte Krieger. Seit Einführung der Zervixkarzinom-Impfung sei die Erkrankungsrate um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen, weshalb ab 2020 ein strukturiertes Zervixkarzinom-Screening in das Konzept der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen implementiert werde. Eventuelle Auffälligkeiten könnten dann durch eine Kolposkopie beim Frauenarzt oder in der Dysplasie-Sprechstunde der Frauenklinik abgeklärt werden. Da einer der verfügbaren Impfstoffe zusätzlich sehr wirkungsvoll gegen Genitalwarzen schütze, werde seit Juni 2018 die HPV-Impfung auch für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren empfohlen.

Eierstockkrebs (2014: 7240 Neuerkrankungen bundesweit) ist mit einer Rate von 5,3 Prozent aller Krebssterbefälle nach dem Brustkrebs die häufigste tödliche gynäkologische Krebserkrankung. Ziel der Operation sei die vollständige Entfernung aller sichtbaren Tumorherde, so Krieger.

Die Nachahmung einer echten Brustwarze durch das Tätowieren im fotorealistischen Stil stellte Tätowierer Andy Engel (Marktsteft) vor, der sich seit 2008 auf Brustwarzenrekonstruktionen spezialisiert hat, deutschlandweit mit Fachkliniken kooperiert und mit Susanne Wagner (Butzbach) bereits eine regionale Kooperationspartnerin eingearbeitet hat. Nur bei etwas mehr als 20 Prozent der Patientinnen in Bad Nauheim könne nicht brusterhaltend operiert werden, ergänzte Dr. Groh. Die Brustwarzenrekonstruktion sei das „i-Tüpfelchen“ des Brustwiederaufbaus, der zunehmend mit Eigengewebe erfolge.

Die negativen Auswirkungen eines wechselseitigen „Schonungsverhaltens“ im Kontext einer schweren Erkrankung (Angst machende Inhalte werden verbal nur eingeschränkt oder gar nicht kommuniziert, kommen aber nonverbal zum Ausdruck und werden somit ungewollt trotzdem wirksam) schilderte der Heidelberger Psychoonkologe Stefan Zettl unter dem Titel „Gespenster im Zimmer“. Er warb eindringlich dafür, Patienten im ärztlichen Aufklärungsgespräch zu einer offenen Kommunikation zu ermutigen und ihnen so beim „Spracherwerb“ für diese kritische Situation zu helfen.

Viele Frauen beschäftigt die Frage eines erblichen Risikos für Brust-und Eierstockkrebs,  obwohl, wie Dr. Groh erläuterte, nur fünf bis acht Prozent dieser Krebserkrankungen genetisch bedingt seien. Tests auf Vorliegen einer Genmutation seien deshalb nur dann sinnvoll, wenn ein Stammbaumrisiko definiert werden könne. Bei erkrankten Frauen führe die GZW-Frauenklinik diese Testung in Kooperation mit dem Deutschen Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs durch. Neben risikosenkenden Operationen stünden inzwischen als Therapieoption auch Medikamente zur Verfügung.

Als selbst betroffene Onkologin berichtete Dr. Gabriele Götz-Keil erstmals über ihre eigene Brustkrebserkrankung. Diese führte sie nach Bad Nauheim, wo sich ihr vor 17 Jahren letztlich als Oberärztin im Reha-Zentrum/Klinik Taunus eine neue berufliche Perspektive eröffnete. In ihrem Buch "Mein wundersamer Weg ins Heilsein" beschreibt sie ihren ganz persönlichen Weg hin zu inneren Kraft-Quellen, indem sie ihrer inneren Stimme und ihrer (weiblichen) Intuition zunehmend mehr vertraute.

Moderne Medikamente beispielsweise für Krebstherapien sind deshalb hocheffizient, weil sie nicht mehr nur durch chemische Synthese, sondern auch durch biotechnologische bzw. gentechnische Verfahren gewonnene Wirkstoffe enthalten, wie Apotheker Karl-Heinz Kohls (Schwanen Apotheke Offenbach) erläuterte. Nach Ablauf des Patentschutzes stünden auch für einige dieser so genannten „Biologicals“ bereits Nachahmerprodukte, die „Biosimilars“, zur Verfügung. Diese seien zwar „günstig“ im Sinne von „preiswert“, aber keineswegs „billig“ im Sinne von „qualitativ minderwertig“, im Gegenteil, betonte Kohls: Ihre Herstellung werde genau wie die der Originalpräparate ständig überwacht, und die inzwischen zehnjährige Alltagserprobung beweise ihre sichere und wirksame Anwendung.

Über die lokale Metastasenbehandlung insbesondere in der Leber mithilfe bildgesteuerter interventioneller Techniken berichtete Dr. Andreas Breithecker, Chefarzt Radiologie im GZW. Er stellte die katheterbasierten Embolisationsverfahren TACE (transarterielle Chemoembolisation – Verödung der Tumorgefäße bei gleichzeitiger gezielter Vergiftung des Tumors) und SIRT (selektive Radiotherapie – radioaktiv beladene Mikroteilchen, über die Blutbahn in den Tumor eingeschwemmt, bestrahlen ihn von innen) vor sowie die Möglichkeit der Verödung von Tumoren zum Beispiel in der Leber mittels lokal verabreichter Hitze (Mikrowellenablation, MWA).