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Donnerstag 12. November 2020 Alter: 21 days

Blutzucker oft schlecht eingestellt

Warum die Diabetesversorgung an Kliniken nicht nur in Corona-Zeiten so wichtig ist


(HR) Bad Nauheim – Als größte Spezialklinik zur Behandlung von Typ 1- und Typ 2-Diabetes sowie des Diabetischen Fußsyndroms in Hessen übernimmt die GZW Diabetes-Klinik einen erheblichen Teil der Versorgung diabetologischer Patienten in der Region und darüber hinaus. Warum die stationäre Diabetes-Versorgung nicht nur  in Corona-Zeiten so wichtig ist, erläutert Chefarzt Dr. med. Michael Eckhard in einer Pressemitteilung anlässlich des Weltdiabetestages am 14. November.

Dank eines inzwischen bunten Straußes an unterschiedlichen Therapieoptionen sei die ambulante Versorgung von Diabetespatient*innen in der Region ebenso wie in ganz Deutschland sehr gut, betont Dr. Eckhard. Dennoch sei der Blutzucker bei mindestens jedem dritten Patienten mit Diabetes nicht optimal eingestellt, wie aktuelle Studien zeigten. Infolgedessen sei die Zahl diabetischer Folgeerkrankungen weiterhin zu hoch. Sofern der Stoffwechsel im Rahmen der ambulanten Therapie nicht adäquat in die persönlichen Zielbereiche eines Patienten eingestellt werden könne, müssten Ärzte in spezialisierten stationären Einrichtungen die Behandlung übernehmen oder auch bei Notfällen zur Verfügung stehen. "Bundesweit nimmt leider die diabetologische Expertise an Kliniken seit Jahrzehnten ab. Aktuell fehlt es auch auf manchen Intensivstationen an hinreichend geschultem Personal, um Diabetespatienten – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie – gezielt zu versorgen", erläutert Dr. Eckhard unter Verweis auf Feststellungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).
 
Trotz der Vielzahl neuer Medikamente zeige die klinische Praxis, dass bei vielen Menschen mit Typ 2-Diabetes keine optimale Blutzuckereinstellung erzielt werde. Häufig sei dies auf eine ausgeprägte Insulinresistenz zurückzuführen, die durch in Tablettenform verfügbare Medikamente oder den Ersatz von Darmhormonen, die ähnlich wie Insulin gespitzt werden müssten (GLP1-Analoga) nicht ausreichend behandelt werden könne. Selbst mit hohen Insulindosen ließe sich bei diesen Patient*innen in vielen Fällen die Blutzuckereinstellung nicht nachhaltig verbessern. Im Gegenteil führe dies nicht selten zu immer höheren Insulindosen bei gleichzeitig kontinuierlich steigendem Körpergewicht. Nach Empfehlungen der DDG sei zur Durchbrechung dieses Teufelskreislaufs dann oftmals eine stationäre Diabetesbehandlung indiziert, erläuterte Dr. Eckhard..
 
Die klinische Betreuung umfasse eine intensive Diabetesschulung und Ernährungsberatung sowie eine Bewegungstherapie. Mindestens ein Drittel aller Typ 2-Diabetespatienten benötige eine Insulintherapie. Vor allem bei einer ausgeprägten Insulinresistenz und sehr hohen Insulindosen könne eine zeitlich begrenzte intravenöse Gabe des Hormons sinnvoll sein. Oftmals gelinge es, bereits nach einer kurzzeitigen Interventionsbehandlung den Glukosestoffwechsel wieder so ins Gleichgewicht zu bringen, dass der Patient anschließend mit deutlich geringeren subkutanen Insulindosen auskomme.
 
Darüber hinaus sei es auch wichtig, Diabetespatienten psychosomatisch zu betreuen. Untersuchungen zeigen laut Dr. Eckhard, dass etwa die Hälfte aller eingewiesenen Diabetespatienten von entsprechenden Angeboten profitieren könne. So litten Menschen mit Diabetes Typ 2 besonders unter Depression, Binge-Eating-Störungen sowie Angsterkrankungen. Bei einem Typ 1-Diabetes träten hingegen häufiger Ess-Störungen wie Bulimie und Insulin-Purging (Patienten spritzen sich gezielt weniger Insulin, um abzunehmen) auf. Ängste vor Unterzuckerungen stellten ein weiteres mögliches Problemfeld dar.  Die profunde Identifizierung psychosomatischer Probleme während einer stationären Erstversorgung und ihre gezielte Fortsetzung im Rahmen der ambulanten Therapie sei nicht selten für den Therapieerfolg ausschlaggebend, so Dr. Eckhard.
 
Gerade bei multimorbiden Diabetespatienten mit Covid-19 sei die Behandlung besonders komplex und erfordere ein ausgeprägtes diabetologisches Fachwissen, um Betroffene effektiv zu versorgen und lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisungen zu verhindern. Letztlich stelle diese Entwicklung eine ernsthafte Bedrohung für eine umfassende Versorgung der komplex-kranken Diabetespatienten dar und berge große Risiken hinsichtlich der zukünftigen studentischen und ärztlichen Aus- und Weiterbildung im Fach Diabetologie, die vornehmlich an Kliniken stattfinde. "Hier gilt es dringend gegenzusteuern, im Interesse unserer Patienten!", bekräftigt der Diabetologe die Forderungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft.