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Montag 29. März 2021 Alter: 19 days

„Die sollten’s mal bekommen“

Erhard Roth erlitt in Folge von Covid-19 einen Herzinfarkt und hat für Corona-Leugner kein Verständnis


Besucht die Notaufnahme heute nur als Gast: Erhard Roth hatte nicht nur einen schweren Covid-19-Verlauf, sondern als Folge einen Herzinfarkt.

Prof. Dr. Robert Voswinckel

Bad Nauheim/Friedberg (HR). Erhard Roth hat die Abenteuerlust im Blut. Zeit seines Lebens bestimmte die Suche nach neuen Herausforderungen die Entscheidungen des gelernten Drehers. Im Dezember 2020 erkrankte der heute 72-Jährige an Covid-19 – mit gravierenden Spätfolgen. Inzwischen ist er wieder einigermaßen fit. Zu denen, die alles für nicht so schlimm halten, hat er eine klare Meinung: „Ich rege mich nicht auf über die Corona-Leugner, aber die sollten’s mal bekommen.“

Nach seiner Ausbildung bei Mercedes ging der gebürtige Anspacher als deutscher Angestellter zur US-amerikanischen Militärpolizei, arbeitete in Frankfurt und Ramstein. Mitte der 1970er Jahre absolvierte er eine Ausbildung zum Speditionskaufmann, koordinierte für einige Jahre Kurierdienste im Auftrag der NATO. Privat fuhr er in dieser Zeit Motocross-Rennen mit Seitenwagen, ein schwerer Unfall bremste ihn für längere Zeit aus.

Beruflich ging es danach zunächst beim Sicherheitsdienst für die US-amerikanischen Fluglinien TWA und AA am Frankfurter Flughafen weiter, bevor Roth in den Personenschutz wechselte. Ein Auftrag führte ihn 1996 nach Abchasien, das sich 1992 in einer kriegerischen Auseinandersetzung von Georgien getrennt hatte. Dort warb ihn der Wirtschaftsminister als Bevollmächtigten an. Ausgestattet mit abchasischem Dienstausweis, vermittelte Roth in den nächsten 15 Jahren Kontakte zu europäischen Unternehmen in den Bereichen Industrie und Tourismus, wobei Geschäfte wegen der fehlenden diplomatischen Anerkennung Abchasiens in der Regel über Russland abgewickelt werden mussten. Die wachsenden Spannungen zwischen der EU und Russland veranlassten ihn denn auch 2013, diesen Job aufzugeben. Seither überführt er Pkw für unterschiedliche Firmen.

Richtig sesshaft wurde Erhard Roth erst mit seiner Heirat 1997. Gemeinsam mit seiner Ehefrau und dem einjährigen Erstgeborenen wurde er 2000 in einen schweren Unfall verwickelt: Zwischen Maintal und Bad Vilbel raste ein entgegenkommender Fahrer frontal in das Auto der Familie. Alle drei erlitten schwerste Verletzungen, überlebten mit Glück. Roth selbst konnte erst nach fünf Jahren wieder ohne Gehstock laufen.

Krankheitsbedingt ausgeknockt zu werden, kennt Erhard Roth. Covid-19 war für ihn allerdings eine völlig neue Erfahrung. Angesteckt wurde er im Dezember 2020 durch seine in der Pflege tätige Ehefrau. „Mitte Dezember wurde meine Frau positiv getestet und nach Hause in Quarantäne geschickt. Nach einigen Tagen hatte sie mich und unsere beiden Söhne angesteckt“, erzählt Roth und drückt seinen Unmut über die Quarantäne-Regelung aus. „Warum macht man es nicht wie in China und bringt positiv Getestete in Hotels unter? Dann würden die Familien nicht angesteckt und wir hätten nicht eine so hohe Dunkelziffer, denn glauben Sie mir: Kaum einer meldet infizierte Familienmitglieder, weil keiner Lust auf eine Verlängerung der Quarantäne hat.“

Roth selbst erwischte Covid-19 schwer. Mit Fieber und Schwindel kam er ins Bürgerhospital Friedberg, hatte zwar keine Lungenentzündung, aber eine virusbedingt verschleimte Lunge und niedrige Sauerstoffsättigung, zehn Tage lang keinen Appetit, verlor Gewicht. Schließlich schlug die Behandlung an, er durfte nach Hause. „Nach vier Tagen hatte ich samstagmorgens Schmerzen in Händen und Fingern, im Ober- und Unterkiefer. Ich konnte ganz normal atmen, schlief wieder ein. Danach waren die Schmerzen noch stärker.“

Seine Frau sorgte dafür, dass er sich in der Notaufnahme des Bürgerhospitals untersuchen ließ. Die Ärztin schickte ihn nach mehreren Untersuchungen weiter in die Kerckhoff-Klinik, wo sich ihr Verdacht bestätigte: Infolge einer durch Covid-19 ausgelösten Herzmuskelentzündung hatte Roth an diesem Morgen einen Herzinfarkt erlitten. Noch in der Nacht wurde eine Katheteruntersuchung angesetzt und bei der Gelegenheit gleich zwei Stents, einige Tage später ein dritter gesetzt.

Inzwischen haben sich die anfänglichen Herzrhythmusstörungen gelegt, eine Nachuntersuchung vor einigen Tagen verließ Roth mit dem Gefühl, „jetzt wieder gesund zu sein“. Dass nun, Wochen nach der Covid-19-Erkrankung, plötzlich sein Geschmackssinn versagt, allerdings nur gelegentlich, stört ihn da kaum. Der Infarkt hat auf seine Psyche einen stärkeren Eindruck hinterlassen, „und wenn der linke Arm schmerzt, dann kriege ich schon wieder Alarm“, gibt er zu. Den Ärzt*innen und dem engagierten Pflegepersonal in Bürgerhospital und Kerckhoff-Klinik, die ihn bei seiner „Extrem-Grippe“ und dem folgenden Herzinfarkt erfolgreich behandelt haben, ist Roth außerordentlich dankbar. Er freut sich inzwischen auf die nächsten Fahrten: Mehrere Fahrzeuge warten darauf, überführt zu werden.

Das sagt der Experte
Prof. Dr. Robert Voswinckel ist Lungenfacharzt und beschäftigt sich seit Monaten nicht nur mit den akuten Covid-19-Erkrankungen, sondern ebenso intensiv mit deren Spätfolgen. Seine Erfahrung fasst er kurz zusammen:
„Viele, die eine akute Covid-19 Erkrankung überstanden haben, leiden in den folgenden Monaten noch an Folgen der SARS CoV2-Infektion. Sechs Monate nach der Infektion berichten die meisten Menschen noch von mindestens einer andauernden Beschwerde, insbesondere von anhaltenden Erschöpfungszuständen, Muskelschwäche, Atemnot bei Belastung, Schlafproblemen, Haarausfall, Gelenkschmerzen, Brustschmerzen, Kopfschmerzen, Geruchsverlust, reduzierter Merkfähigkeit, Angststörungen oder Depression. Die anfängliche Krankheitsschwere ist dabei nicht immer ausschlaggebend für die Schwere der Folgeerscheinungen.
Ein Drittel der Menschen berichtet noch ein Jahr nach der Infektion von Einschränkungen der psychischen Gesundheit. Risikofaktoren hierfür sind das weibliche Geschlecht und die Schwere der Erkrankung. Messbare Einschränkungen der Lungenfunktion und Veränderungen der Lungenstruktur in der Computertomografie sind bei einem Viertel bis bei der Hälfte der Menschen nach sechs Monaten noch nachweisbar.“