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Samstag 26. Juni 2021 Alter: 34 days

Auf dem Weg zum Weaning-Zentrum

Bürgerhospital Friedberg bietet komplette Versorgungskette für Lungenkranke an


ImBürgerhospital Friedberg bietet das GZW eine Rundum-Versorgung vom Weaning über die Heimbeatmung bzw. das Schlaflabor, die Frührehabilitation und die fachpneumologische medizinische Versorgung aus einer Hand an.

Das Gesundheitszentrum Wetterau ist im Bürgerhospital Friedberg spezialisiert auf die Entwöhnung beatmungspflichtiger Patienten von der Langzeitbeatmung. Immer mehr Menschen gelangen durch die moderne Intensivmedizin in eine Situation, in der sie eine schwere akute Erkrankung überleben, aber dann an maschinelle Beatmung gewöhnt sind. Sogenannte Weaning-Zentren kümmern sich um dieses Problem.

Herr Prof. Voswinckel, welche Patienten werden in einem Weaning-Zentrum versorgt?
Auf der Weaning-Station werden Patienten versorgt, die nur mühsam von der Beatmung zu entwöhnen sind und nicht auf normalem Wege erfolgreich dauerhaft selbstständig atmen konnten.  Die Ursachen dafür sind vielfältig. Oft spielen chronische Lungenerkrankungen im Vorfeld eine Rolle, internistische Begleiterkrankungen, aber auch komplizierte Verläufe nach Operationen oder neurologische Probleme.

Gibt es in Friedberg ein Weaning-Zentrum?
Aktuell gibt es 60 zertifizierte Weaning-Zentren in Deutschland, in Hessen sind es sechs. Wir bieten seit vier Jahren das Weaning im Bürgerhospital an und wollen uns 2022 durch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie als Weaning-Zentrum zertifizieren lassen. Dafür haben wir die räumliche und technische Infrastruktur geschaffen und spezialisierte Ärzt*innen, Pflegekräfte, Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen und Logopäd*innen ausgebildet bzw. angeworben. Zusätzlich hinaus wurden Atmungstherapeut*innen ausgebildet, eine durch die Entwicklung der Weaning-Zentren in Deutschland neu ins Leben gerufene Fachweiterbildung für Pflegekräfte. Mit gutem engagierten Fachpersonal erzielen wir erfolgreiche Weaningverläufe und erlangen das Vertrauen der zuweisenden Krankenhäuser, zu denen bei uns die Universitätskliniken und die Kerckhoff-Klinik gehören.

Welche Lungenerkrankungen spielen beim Weaning eine Rolle?
Oftmals chronisch-obstruktive Lungenerkrankung COPD, durch die Atemmuskulatur und  Atemmechanik der Patienten limitiert werden. Kommt dazu eine schwere akute Erkrankung, kann das Ganze aus dem Gleichgewicht geraten; die Atemkraft reicht nach längerer Krankheitsphase nicht mehr aus, um selbstständig atmen zu können. Dies bedarf dann eines langsamen, behutsamen Trainings und der optimalen Behandlung aller Umgebungsprobleme, die den Patienten schwächen könnten. Weitere Probleme des Atmungsapparates, die zu einem schwierigen Weaning beitragen können, sind Lungenfibrosen, Zwerchfelllähmungen, Brustkorbdeformitäten, Flüssigkeitseinlagerungen im Brustkorb, wiederkehrende Lungenentzündungen und in den letzten Monaten natürlich in großer Zahl Covid-19-Patient*innen.

Sind alle Patienten zuvor u?ber längere Zeit maschinell beatmet worden?
Meist liegt eine mehrwöchige Beatmungszeit vor. Die maschinelle Beatmung muss auf der Intensivstation anfangs über einen Tubus, der durch den Mund in die Luftröhre geführt wird, erfolgen. In dieser Zeit ist eine eher tiefe Narkose notwendig, ohne die diese Beatmungsform nicht zu ertragen wäre. Kann die Beatmung nach ein bis zwei Wochen nicht beendet werden, wird durch einen Luftröhrenzugang eine so genannte Trachealkanüle eingelegt. Dann können die Patienten oft ohne Schlafmittel behandelt und besser trainiert werden.

Was genau passiert beim Weaning?
Abgestimmt auf die noch vorliegenden Erkrankungen werden ein Therapiekonzept und ein Trainingsplan für die Patienten erstellt und interdisziplinär abgestimmt. Die Fortschritte der Patient*innen werden täglich zweimal bei den Visiten sowie wöchentlich unter allen Fachdisziplinen besprochen. Eine behutsame Rückführung der beruhigenden Medikation und gleichzeitige, möglichst tägliche langsame Steigerung der selbstständigen Atemanstrengung werden nach individuellem „Fahrplan“ umgesetzt.

Warum dauert das oft so lange?
Es darf nicht zu schnell gehen, denn eine Überanstrengung kann die Patient*innen für Tage zurückwerfen. Es bedarf des langsamen und kontinuierlichen Kraftaufbaus der Atemmuskulatur, Schritt für Schritt. Die Fortschritte sind dabei oft sehr unterschiedlich und können bei zusätzlichen Minuten bis Stunden pro Tag liegen.

Ist dieser Prozess nicht oft auch psychisch sehr belastend?
Ja. Die Patienten kommen aus einem langen Narkoseschlaf, durchschreiten oft ein mehrtägiges Tal der Verwirrtheit und Desorientierung, können nicht sprechen und sich aufgrund der Schwäche nicht bemerkbar machen. Eine sehr aufmerksame, menschlich zugewandte und zeitaufwändige Betreuung ist notwendig, um auf die Bedürfnisse, Schmerzen und Desorientierung einzugehen und richtig zu reagieren sowie die Harmonisierung der Eigenatmung mit der Beatmungsmaschine zu optimieren.

Wie helfen Sie den Patienten in dieser Phase?
Wichtig ist die immer wiederkehrende persönliche Ansprache, das Orientierunggeben zu Tageszeiten, Wochentagen, Personen und der Situation des Patienten, also das psychologische „An-die-Hand-nehmen“ bei der Wiederkehr in die anfangs sehr bedrohlich wirkende Wirklichkeit. Es ist wichtig, Optimismus zu verbreiten und Mut zu machen, denn fast alle Patient*innen sind in dieser Zeit zurecht depressiv.

Welche Tätigkeiten führen Atmungstherapeut*innen aus?
Sie sind spezialisiert auf das Abtrainieren von der Beatmungsmaschine, kennen optimale Lagerungstechniken zur Erleichterung der Eigenatmung, arbeiten Hand in Hand mit den Intensivpflegekräften und den Physiotherapeut*innen. Sie kümmern sich intensiv um das so genannte Sekretmanagement, das Befreien der Atemwege von Bronchialschleim, sowie um die optimale Verabreichung von Medikamenten.

Welchen Beitrag leistet die Logopädie zum Weaning?
Viele der Patienten können nicht richtig schlucken, was das Eindringen von Speichel oder Nahrung in die Luftröhre und sich dadurch entwickelnde neue Lungenentzu?ndungen begünstigt. Daher wird bei allen Patienten der Schluckakt mittels fiberendoskopischer Verfahren genau untersucht und eine individuelle logopädische Behandlung eingeleitet mit dem Ziel, Störungen zu u?berwinden.

Was passiert, wenn die Entwöhnung von der Beatmung nicht erfolgreich ist?
Leider ist das Weaning nicht bei allen Patient*innen erfolgreich. Besonders bei schweren chronischen Lungenerkrankungen wie der COPD oder auch bei fortschreitenden neurologischen Erkrankungen kann die Entwöhnung unmöglich werden. Die Betroffenen können dann nur mittels einer dauerhaften Beatmungsbehandlung weiterleben, im häuslichen Bereich oder in einer Beatmungseinrichtungen. Im Einzelfall ist die Lebensqualität der Patienten absehbar so gering, dass eine Beendigung der medizinischen Bemühungen und das Zulassen des Versterbens der richtige Weg sein kann.

Wie kann eine so schwere Entscheidung guten Gewissens getroffen werden?
Wenn die medizinische Einschätzung der Behandler*innen, Pflegekräfte und Therapeut*innen eine unabänderliche Perspektive für den Patienten feststellt, mit Lebensumständen, die nicht seinem Willen entsprechen, ist es geboten, das Leben und Leiden nicht künstlich zu verlängern. In Konfliktsituationen, vor allem wenn Angehörige trotz guter Aufklärung unsicher sind über den richtigen Weg, kann auf Wunsch unser Ethikkomitee in die Entscheidungsfindung einbezogen werden, mit an der Behandlung unbeteiligten Gesprächspartner*innen und Berater*innen.

Kommen Patienten mit schwieriger Beatmungsentwöhnung grundsätzlich in ein Weaning-Zentrum?
Leider noch nicht, viele werden mit einer dauerhaften Beatmung direkt in ein Beatmungsheim entlassen. Diese Versorgung erfordert eine sehr kosten- und personalintensive 24-Stunden-Intensivpflege. Es hat sich hier ein für die Anbieter dieser Versorgungsform sehr lukrativer Markt entwickelt, der falsche Anreize setzt und den Versuch eines erneuten Weanings in einem Weaning-Zentrum nicht fördert. Ein signifikanter Anteil dieser „endgültig“ versorgten Patienten könnte wahrscheinlich in einem Weaning-Zentrum von der Beatmung entwöhnt werden mit verbesserter Lebensqualität, mehr Teilnahme und weniger Pflegebedarf. Diese Möglichkeit wird glücklicherweise zunehmend wahrgenommen.

Welche weiteren Behandlungsmodalitäten für schwer lungenkranke Patienten bietet das GZW an?
In den letzten Jahren haben wir am Bürgerhospital Friedberg eine komplette Versorgungskette für Lungenkranke aufgebaut, die einzigartig in der Region ist. Ein typisches  Beispiel: Ein Patient mit chronischer Lungenerkrankung wird nach achtwöchiger Beatmung innerhalb von 14 Tagen bei uns erfolgreich geweant. Er kann 16 Stunden des Tages allein atmen, braucht aber zur Stabilisierung seiner Atmung eine nächtliche Maskenbeatmung und etwas Sauerstoff. Dies wird durch Mitarbeiter*innen unseres Schlaf-/Atemzentrums schon auf der Intensivstation angepasst und optimiert. Weil er sich noch nicht aufsetzen, noch nicht stehen oder gehen kann, wird er in die pneumologische Frührehabilitation übernommen. Dort wird er weitere vier Wochen trainiert im Hinblick auf Kraft, Stabilität und Feinmotorik. Nach vier Wochen kann er allein aufstehen und sich im Sitzen waschen oder duschen. Die nächtliche Beatmung wird im Schlaflabor erneut angepasst. Letztendlich wird er mit Hilfe unseres Sozialdienstes für weiteren Kraftaufbau in eine Rehabilitationsklinik zur Anschlussheilbehandlung verlegt und von dort drei Wochen später nach Hause entlassen. Nach drei Monaten kehrt er für eine Nacht in die Heimbeatmungsstation im Bürgerhospital zurück, wo Funktion und Effektivität des Beatmungsgerätes sowie sein Bedarf geprüft werden. Wir können somit im GZW eine rundum Versorgung vom Weaning über die Heimbeatmung bzw. das Schlaflabor, die Frührehabilitation und die fachpneumologische medizinische Versorgung aus einer Hand anbieten.