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Montag 15. November 2021 Alter: 21 days

Den Darmkrebs im Fokus

Ärztefortbildung der „Akademie am GZW“ zu einem hochaktuellen Thema – „Durch Corona nicht von Vorsorge abhalten lassen“


Informierten in einer Veranstaltung der „Akademie am GZW“ über die interdisziplinäre Behandlung des kolorektalen Karzinoms (von links): Chefarzt Priv.-Doz. Dr. med. G.-André Banat, Sektionsleiter Dr. Johannes Atta, Sektionsleiter Dietmar A. Borger und Leitender Oberarzt Nahid Abu Tayeh.

Bad Nauheim (HR). Menschen, die 2017 in Deutschland an den Folgen von Darmkrebs gestorben sind, haben im Durchschnitt 13,4 Lebensjahre verloren. Das geht aus der Sterbestatistik des Robert Koch-Instituts hervor. Insgesamt sind so mehr als 450.000 Lebensjahre aufgrund von Darmkrebs verloren gegangen, und das, obwohl die Erkrankung bei rechtzeitiger Diagnose in den meisten Fällen heilbar ist und  durch eine Vorsorge-Koloskopie in sehr vielen Fällen verhindert werden kann. Die jüngste Ärztefortbildung der 2009 gegründeten "Akademie am GZW" stellte nun die interdisziplinäre Behandlung des Kolorektalen Karzinoms in den Fokus.

Nach einer kurzen Einführung ins Thema durch den Ärztlichen Leiter der Veranstaltung, Priv.-Doz. Dr. med. G.-André Banat, Chefarzt für Innere Medizin des GZW, stellte Dietmar A. Borger, Sektionsleiter Gastroenterologie, Vorsorgemöglichkeiten und endoskopische Diagnostik vor. Das Kolorektale Karzinom sei der dritthäufigste bösartige Tumor in Europa mit 450.000 Neuerkrankungen jährlich, davon in Deutschland 60.000. In der Bundesrepublik stürben jährlich immer noch 25.000 Menschen an den Folgen eines
Kolorektalen Karzinoms.
 
Als wichtigste Ursachen für die Entstehung von Dickdarm- und Enddarmkarzinomen und deren Vorläufern benannte Borger ein erhöhtes Lebensalter und eine familiäre Belastung, wobei echter erblicher Dickdarmkrebs selten sei. Risikosenkend wirkten eine gesunde Lebensführung, körperliche Aktivität und gesunde Ernährung mit wenig Fleisch und Fleischprodukten. Vorsorge- und Früherkennungs-Maßnahmen sind der Test auf verstecktes Blut im Stuhl sowie die Vorsorgekoloskopie, deren Kosten von den Gesetzlichen Krankenkassen bei Männern ab dem 50. und bei Frauen ab dem 55. Lebensjahr übernommen werden.
 
„Die Vorsorge-Koloskopie kann Dickdarm- und Enddarm-Tumoren mit einer Sicherheit von fast 100 Prozent erfassen, Vorläufer-Veränderungen wie Polypen können mit über 90-prozentiger erkannt und sofort entfernt werden“, sagte Borger und wies darauf hin, dass seit Einführung der Vorsorgekoloskopie 2002 die jährliche Neuerkrankungsrate an Kolorektalen Karzinomen in Deutschland um  25 Prozent gefallen sei. Sorge bereite es deshalb, dass seit Beginn der Corona-Pandemie die Zahl der Darmspiegelungen massiv eingebrochen sei, die der Vorsorge-Darmspiegelungen teilweise um bis zu 75 Prozent. „Es wäre fatal, würde die aus Angst vor einer Infektion abgesagte Vorsorge-Koloskopie dazu führen, dass ein Darmkrebs zu spät erkannt würde, um noch gut behandelbar zu sein“, betonte Borger.

Die Möglichkeiten der operativen Therapie erläuterte Nahid Abu Tayeh, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein-Viszeralchirurgie und spezielle Viszeralchirurgie des Hochwaldkrankenhauses, in einem unterhaltsamen, mit Videos veranschaulichten Vortrag. Je nach Stadium des Krebswachstums werde der tumortragende Darmabschnitt mit dem Umgebungsgewebe einschließlich der so genannten regionalen Lymphknoten entfernt. Reiche ein Enddarmkrebs bis an den After heran, müsse die gesamte Afterregion mitentfernt und ein künstlicher Darmausgang im Bauchbereich geschaffen werden. Bei sehr kleinen, noch nicht fortgeschrittenen Tumoren sei es in einzelnen Fällen möglich, den Tumor lediglich aus der Darmwand herauszuschneiden. Im Hochwaldkrankenhaus werde 90 Prozent  die Technik des minimalinvasiven Operierens angewandt.

Dr. Banat und Dr. Johannes Atta, Sektionsleiter Hämatologie und Onkologie im GZW, erläuterten die erheblichen Prognoseverbesserungen sowohl in der (neo-) adjuvanten als auch in der palliativen Therapie bei Patienten mit Fernmetastasen, die durch die Weiterentwicklung der modernen Systemtherapie beim Kolorektalen Karzinom in den letzten Jahren erzielt worden seien. Vor allem beim Rektumkarzinom in lokal fortgeschrittenen Stadien habe durch die Erweiterung und Intensivierung der neoadjuvanten Therapie eine verbesserte Operabilität mit häufigerem Sphinktererhalt sowie eine bessere langfristige Tumorkontrolle erreicht werden können. Bei Nachweis von Lebermetastasen könne durch eine Chemotherapie häufig ein „Downsizing“ und somit potenzielle Resektabilität erreicht werden.

In der Therapie der metastasierten Stadien werde eine auf molekulargenetischer Analyse des Tumors beruhende, „zielgerichtete“ Therapie gegenüber den „klassischen“ Chemotherapien immer wichtiger. So führe die Behandlung mit immunonkologischen Therapien („Immuncheckpoint-Inhibitoren“) bei Patienten mit höheren mikrosatelliten-instabilen Tumoren zu einem gegenüber einer Chemotherapie deutlich verbesserten progressionsfreien Überleben. Zudem ermögliche mit zunehmender Häufigkeit der Nachweis charakteristischer Mutationen in den Tumorzellen, die zunächst mit einer schlechteren Prognose unter Chemotherapie verbunden seien (z.B. BRAF), wiederum den Einsatz bestimmter zielgerichteter Medikamente, welche die Prognose verbesserten. Daneben gewönnen in der palliativen Therapie sogenannte „lokal-ablative“ Therapieverfahren wie die Radiofrequenzablation, die selektive interne Radiotherapie (SIRT) oder die Chemoembolisation zunehmend an Bedeutung, wenngleich diese Therapieverfahren zum Teil noch nicht als Standardtherapien gelten könnten.