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Mittwoch 09. November 2022 Alter: 22 days

Anfängliche Symptomfreiheit ist trügerisch

Wer unwissentlich an Diabetes mellitus leidet, riskiert Herz- und Gefäßerkrankungen und einen frühen Tod


Blutzuckermessung klassisch. Inzwischen steht für den alltäglichen Gebrauch komfortable Technologie zur Verfügung.

Fachkundige Versorgung eines diabetologischen Fußes

Ein Stützpfeiler in der Diabetes-Therapie ist das Erlernen der adäquaten Ernährung

(HR) Bad Nauheim. Diabetes mellitus breitet sich kontinuierlich aus. Der Weltdiabetestag am 14. November, der in diesem Jahr bereits zum 31. Mal stattfindet, ist stets eine willkommene Gelegenheit, an die mit einer Diabetes-Erkrankung verbundenen Gefahren zu erinnern. Eine der größten ist die anfängliche Symptomfreiheit: Schätzungsweise zwei Millionen Menschen in Deutschland haben Diabetes, ohne es zu wissen. Ein erhöhter Blutzucker tut zunächst nicht weh, ist aber gefährlich: Menschen mit Diabetes sterben fünf bis zehn Jahre früher – meist aufgrund von Herz- und Gefäßerkrankungen. Als größte Spezialklinik zur Behandlung von Typ 1- und Typ 2-Diabetes sowie des Diabetischen Fußsyndroms in Hessen hat die GZW Diabetes-Klinik einen erheblichen Anteil an der Versorgung diabetologischer Patienten in der Region und darüber hinaus. Warum die stationäre Diabetes-Versorgung nicht nur in Corona-Zeiten so wichtig ist, erläutert Chefarzt Dr. med. Michael Eckhard.

Ein Meilenstein in der Diabetesbehandlung war die Einführung des Insulins als Therapiemittel im Jahr 1921. „Vor dessen Verfügbarkeit sind Menschen mit einem Typ-1 Diabetes in kurzer Zeit verstorben“, betont der Diabetologe. Mit der Gegenwart sei die damalige Situation allerdings kaum zu vergleichen. Dank eines ganzen Straußes verschiedener Therapieoptionen und ausgefeilter Versorgungsstrukturen sei die ambulante Versorgung von Diabetespatient*innen in der Region ebenso wie in ganz Deutschland sehr gut.
 
Dennoch sei der Blutzucker bei mindestens jedem dritten Patienten mit Diabetes nicht optimal eingestellt, wie aktuelle Studien zeigten. Infolgedessen sei die Zahl diabetischer Folgeerkrankungen weiterhin zu hoch. Sofern der Stoffwechsel nicht adäquat in die persönlichen Zielbereiche eines Patienten eingestellt werden könne, sollten die Patienten an Ärztinnen und Ärzte der jeweils nächsten Versorgungsstufe verwiesen werden. Das gehe von der hausärztlichen Versorgung über die Betreuung in diabetologischen Schwerpunktpraxen bis hin zu stationären diabetologischen Spezialabteilungen oder -kliniken, erklärt der Experte. Erkennbar seien diese unter anderem an dem Qualitätssiegel der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Seit mehr als 20 Jahren gibt es laut Dr. Eckhard in Deutschland nun bereits diese Behandlungspfade im Rahmen der Disease-Management-Programme für Typ 1- und Typ 2-Diabetes. „Allerdings droht leider bundesweit die diabetologische Expertise an Kliniken seit Jahrzehnten abzunehmen. Aktuell fehlt es schon in manchen Akutkliniken an hinreichend geschultem Personal, um Diabetespatienten – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie – gezielt zu versorgen", erläutert Dr. Eckhard unter Verweis auf Feststellungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).
 
Trotz der Vielzahl neuer Medikamente zeige die klinische Praxis, dass bei vielen Menschen mit Typ 2-Diabetes keine ausreichend gute Blutzuckereinstellung erzielt werde. Häufig sei dies auf eine ausgeprägte Insulinresistenz zurückzuführen, die durch in Tablettenform verfügbare Medikamente oder den Ersatz von Darmhormonen, die in der Regel einmal wöchentlich gespritzt werden müssten, nicht erfolgreich zu behandeln sei. Selbst mit hohen Insulindosen lasse sich bei diesen Patient*innen in vielen Fällen die Blutzuckereinstellung nicht nachhaltig verbessern. Im Gegenteil führe dies nicht selten zu immer höheren Insulindosen bei gleichzeitig kontinuierlich steigendem Körpergewicht. Nach Empfehlungen der DDG sei zur Durchbrechung dieses Teufelskreislaufs dann oftmals eine stationäre Diabetesbehandlung indiziert, sagt Dr. Eckhard..
 
Die klinische Betreuung umfasse eine intensive Diabetesschulung, Ernährungsberatung oder Bewegungstherapie. Im stationären Setting könnten verschiedene Therapieansätze getestet und deren Wirkung im geschützten Rahmen ganz konkret erlebt werden. Mindestens ein Drittel aller Typ 2-Diabetespatienten benötige eine Insulintherapie. Vor allem bei einer ausgeprägten Insulinresistenz und sehr hohen Insulindosen könne eine zeitlich begrenzte intravenöse Gabe des Hormons, begleitet durch eine komplexe Therapiestrategie, sinnvoll sein. Oftmals gelinge es, bereits nach einer kurzzeitigen Interventionsbehandlung den Glukosestoffwechsel wieder so ins Gleichgewicht zu bringen, dass Patienten anschließend mit deutlich geringeren subkutanen Insulindosen auskämen, bestenfalls sogar ganz ohne zusätzliche Insulingaben. Der Schlüssel hierfür seien die konkret erlebbaren Erfolge unter täglichen Therapieanpassungen und einer engen, interprofessionellen Begleitung.
 
Darüber hinaus sei es von immer größerer Bedeutung, Diabetespatienten auch psychosomatisch/psychologisch zu betreuen. Untersuchungen zeigen laut Dr. Eckhard, dass etwa die Hälfte aller eingewiesenen Diabetespatienten von entsprechenden Angeboten profitieren könnten. So litten Menschen mit Diabetes häufiger unter Depressionen, Ess-Störungen wie zum Beispiel Binge-Eating-Störungen oder Bulimie, Angststörungen oder auch einem Insulin-Purging (Patienten spritzen sich gezielt weniger Insulin, um abzunehmen). „Immer häufiger zeigt sich ein Bedarf an Therapie und Begleitung im psychosozialen Bereich“, stellt Dr. Eckhard fest.

Im Rahmen der Covid-19 Pandemie sei leider zu beobachten, dass sich Behandlungen aus unterschiedlichen Gründen verzögerten, was dazu führe, dass Patientinnen und Patienten zum Zeitpunkt des Eintreffens in der Klinik bereits fortgeschrittenere Krankheitsstadien aufwiesen. Im Falle des diabetischen Fußsyndroms münde das nicht selten in Amputationen.

Mindestens jeder fünfte Patient in deutschen Akutkrankenhäusern bringe seinen Diabetes mit in das Krankenhaus – auch, wenn dieser nicht der primäre Grund für die stationäre Behandlung sei. Gerade angesichts der rasanten Weiterentwicklungen in den medikamentösen und technisch unterstützten Therapiestrategien sei eine diabetologische Expertise in allen Krankenhäusern sicherzustellen, fordert der Diabetologe und schließt sich den Empfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft an, dass die diabetologische Kompetenz in Kliniken generell dringend wieder gestärkt werden müsse.