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Sonntag 12. November 2017 Alter: 104 days

Jede 7. Geburt von Schwangerschaftsdiabetes betroffen

Zum Weltdiabetestag (14. November) betont Chefarzt Dr. Eckhard die Bedeutung von Vorsorge, rechtzeitiger Diagnose und konsequenter Therapie


Dr. Michael Eckhard, Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik Bad Nauheim und Ärztlicher Leiter des Universitären Diabetes-Zentrums Mittelhessen am UKGM, Gießen, betont die Bedeutung einer strukturierten Beratung und Betreuung der Patienten.

(HR) Diabetes mellitus ist eine Volkskrankheit mit hohen Zuwachsraten. Schätzungen zufolge ist aktuell jeder zehnte Deutsche Diabetiker, wobei zweien von zehn ihre Erkrankung nicht bewusst ist. „Wenn wir den Trend nicht stoppen, wird der Diabetes mellitus künftig noch dramatischere Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben“, betonte der Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik Bad Nauheim, Dr. Michael Eckhard, anlässlich des Weltdiabetestages am 14. November. Der 1991 von der Internationalen Diabetes-Föderation eingeführte und seit 2007 unter dem Dach der Vereinten Nationalen stattfindende Tag steht jeweils unter einem Motto. In diesem Jahr lautet es „Frauen und Diabetes – unser Recht auf eine gesunde Zukunft“.

„Weltweit geht es darum, allen Frauen mit Diabetes einen erschwinglichen und gerechten Zugang zu Pflege und Bildung zu gewährleisten, damit sie ihren Diabetes besser bewältigen und ihre Gesundheitsergebnisse verbessern können“, erläuterte Dr. Eckhard die Kampagne. In Deutschland richte sich der Focus in diesem Zusammenhang auf den Schwangerschaftsdiabetes, dessen Häufigkeit sich von 1,47 Prozent 2002 auf 5,35 Prozent 2016 mehr als verdreifacht habe.

Ein Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) ist in Industrieländern eine der häufigsten Begleiterkrankungen einer Schwangerschaft. Diese Form des Diabetes wird erstmals während einer Schwangerschaft diagnostiziert und verschwindet meist nach deren Beendigung. „Zumindest zunächst“, betont Dr. Eckhard. „Unerkannt bestehen erhöhte Risiken für die Mutter und vor allem für das noch ungeborene Kind: Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, mögliche kindliche Fehlbildungen oder Fehlentwicklungen.“ Häufig unbeachtet blieben die langfristigen Auswirkungen eines Schwangerschaftsdiabetes auf den Stoffwechsel von Mutter und Kind. Etwa jede 2. Frau entwickele binnen zehn Jahren einen schwangerschaftsunabhängigen Typ-2 Diabetes mellitus, die Kinder hätten ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Adipositas und Diabetes im späteren Leben. Ein Zusammenhang bestehe mit dem zunehmenden Alter der Mütter bei Geburt des ersten Kindes.

Ein erhöhtes Risiko, an einem Schwangerschaftsdiabetes zu erkranken, haben  Frauen mit Übergewicht, mit Diabeteserkrankungen in der engeren Familie, mit einem eigenen Geburtsgewicht über 4000 Gramm, mit wiederholten Fehlgeburten oder wenn bei einer vorausgegangenen Geburt ein Kind mit mehr als 4000 Gramm zur Welt kam.

„Um das Risiko kindlicher Fehlbildungen und der Gefahren für die Mutter zu minimieren, muss ein Schwangerschaftsdiabetes frühzeitig erkannt und behandelt werden“, betonte Dr. Eckhard. Dazu gebe es konkrete Handlungsempfehlungen und Leitlinien, die zum Teil seit 2012 in den Mutterschaftsrichtlinien implementiert seien. Standard sollte eine eng verzahnte und abgestimmte Betreuung durch Gynäkologen und Diabetologen sein. Die Schwangere solle vom Tag der Diagnose an so schnell wie möglich lernen, ihre Blutzuckerwerte selbst zu messen. Auf Basis regelmäßig geführter Blutzucker- und Ernährungsprotokolle erfolge eine enge Betreuung durch Diabeteologen und Diabetesberaterinnen im multiprofessionellen Team diabetologischer Schwerpunktpraxen mit dem Ziel  einer straffen Stoffwechseleinstellung und einer empathisch-zugewandten Begleitung.

Die Diabetesformen Typ 1 und Typ 2 treten unabhängig vom Geschlecht auf. In Deutschland leiden fünf Prozent der Erkrankten am Typ 1-Diabetes, der meist relativ plötzlich und häufig bereits im Kindes- und Jugendalter auftritt. Der Typ 2-Diabetes betrifft mehr als 90 Prozent der Erkrankten und wird nach Angaben des Experten meist im mittleren bis höheren Lebensalter auffällig. Die drastische Zunahme von Übergewicht und Fettsucht infolge von „Junk food“ und Bewegungsmangel sowie auch die Zunahme an Gestationsdiabetes bewirkten allerdings steigende Erkrankungsraten schon bei Kindern und Jugendlichen. Charakteristisch für den Typ 2-Diabetes sind über Jahre langsam, schleichend und damit unbemerkt ansteigende Blutzuckerspiegel.

„Wenn die Diagnose 'Diabetes mellitus' gestellt ist, sollte zeitnah eine kompetente diabetologische Beratung und strukturierte Schulung in Anspruch genommen werden. Es geht darum, gefährliche Folgeerkrankungen zu vermeiden und eine möglichst hohe Lebensqualität zu erhalten. Studiendaten der letzten Jahre belegen klar, wie wichtig eine frühzeitige zielorientierte Behandlung ist“, hob Dr. Eckhard hervor. Diabetes sei eine lebenslange Erkrankung, die von jedem Patienten tägliche Aufmerksamkeit verlange. "Wer mit fachlicher Unterstützung gelernt hat, seine Krankheit bestmöglich zu managen, dem gelingt es auch, sich die Lebensfreude im Alltag zu erhalten und sein Leben mit und trotz der Erkrankung positiv zu gestalten", erklärte Dr. Eckhard.